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Liebe zum Detail
Einfachheit, Ehrlichkeit, Ästhetik - nach diesen Gestaltungsprinzipien entstehen im Münchner Atelier Beinert Arbeiten, die den Betrachter durch ihre Schönheit und Präzision überzeugen.
Von Antje Dohmann, PAGE
Einen zentralen Aspekt im Gestaltungskonzept des Münchner Ateliers Beinert bildet Typografie -und zwar nicht nur, weil Buchstaben recht sexy sein können. »Das gemeine g hat eine ganz schön erotische Ausstrahlung für mich«, so Wolfgang Beinert, »gar nicht zu reden vom Q einer Renaissance-Antiqua im Schnitt eines gemeinen Kapitälchen«. Weil er um die Bedeutung und den Charme von Lettern weiß, investiert der Designer zusammen mit seinem Team, das normalerweise aus vier bis sechs Assistenten besteht, viel Zeit in die Auswahl von Schiften, testet sie auf ihre Anwend- und Lesbarkeit und überlässt dabei nichts dem Zufall. »Jedes Zeichen, jeden Abstand und jeden Leerraum setzen wir ganz bewusst. Wir entwickeln für alle unsere Arbeiten eine eigene typografische Auszeichnungshierarchie, die den Leser auf möglichst angenehme Weise durch unsere Entwürfe führen soll und ihn hoffentlich nicht langweilt«, erläutert der Ateliergründer, der auch der typografischen Gesellschaft München angehört.
Die Fähigkeit, bei aller Konzentration aufs Detail immer das Ganze im Blick zu behalten und in seinen Arbeiten Konzept, Text und Bild optimal zu vereinen, ließ in den letzten Jahren einen wahren Preisregen auf das Atelier Beinert niedergehen. Der König-Ludwig-II.-Kalender zum Beispiel, den er im Auftrag der traditionsreichen Münchner Hypothekenbank gestaltete, erhielt beim red dot award : communication design eine Auszeichnung für höchste Designqualität - eine respektable Leistung. Der Kalender, der das an sich etwas antiquierte Sujet in neuem Licht erscheinen lässt, kann zugleich als Musterbeispiel für die akribisch-kreative Arbeit der Bayern gelten. Bei der Konzeption kam es Wolfgang Beinert vor allem darauf an die barocken Hüllen der Ludwigsdarstellung zu verlassen und das Ganze im Sinne des weltoffenen Zeitgeists der Gegenwart zu gestalten. Aus diesem Grund zog er einen Entwurf aus Bild- und Schriftelementen größeren Einzelbilddarstellungen vor. Dank der Unterstützung des Archiv Verlags Werner in München standen dem Designer nicht nur alte Fotografien, sondern auch Originale wie Autographen, Stempel oder Grundrisse zur Verfügung. Diese Vorlagen ließ er aufwendig retuschieren und die Fotos durchweg im Duplexverfahren reproduzieren. Trotz der individuellen Gestaltung jedes Monatsblatts ziehen sich einige Elemente wie ein roter Faden durch den ganzen Kalender. So findet sich etwa am linken Blattrand eine Auflistung aller Lebensjahre Ludwigs II. in dezentem Pantone Grey 2, wobei stets die Jahreszahl, auf die der jeweilige Monat sich bezieht, schwarz gehalten ist.
Die Erklärungstexte zu ausgewählten Eckdaten aus dem Leben des bayerischen Königs hat Wolfgang Beinert in der Haustype der Münchner Hypothekenbank, der Concorde Nova von Günter Gerhard Lange, gesetzt. Innerhalb dieser Texte wählte er für Auszeichnungen gemeine Caps der Concorde Nova und die Amsterdamer Garamond Kursiv von Morris Fuller Benton. Über dem Kalendarium befindet sich jeweils an wechselnder Stelle die Jahreszahl 2001 in Mediävalziffern der Corporate A von Kurt Weidemann und der jeweilige Monatsname in gemeinen Kapitälchen der Concorde Nova. Das betreffende Datum erscheint in der Frutiger Schmal Mager, die Wochentage in der Amsterdamer Garamond Kursiv. Die Sonn- und Feiertage ziert zusätzlich ein gotisches Schwert aus Jonathan Barnbrooks Mason, um so eine Brücke zu Ludwigs Traum- und Ritterwelt zu schlagen. Für die Kalenderwochen verwendete Wolfgang Beinert römische Zahlen, für die Mondphasen und Sternzeichen die entsprechenden Symbole. Die Monatsnamen im Hintergrund hielt er analog zur Jahreszahl 2001 in Pantone Grey 2, setzte sie allerdings in der Frakturschrift Sabbath Black Bold des Typografen Miles Newlyn. Darüber hinaus kommen noch Typen von Zuzana Licko, Neville Brody, Jackson Burke und Jan Tschichold zum Einsatz - eine für das Atelier eher untypische Schriftenvielfalt. »Von Zeit zu Zeit bricht halt einfach die angelsächsische Ader in mir durch«, grinst Wolfgang Beinert. »Ein Typomix wie dieser funktioniert in dem Kalender auch aus dem Grund, weil man keine Lesehierarchie nötig hat. Ästhetik und Spaß stehen im Vordergrund«. Trotzdem sei ein solcher Mix explosiv und die Gefahr, dass Kitsch oder Chaos entstehe, ziemlich groß. »Auf jeden Fall«, rät er, »sollte man dann nicht auch noch Farben mischen, sondern das Ganze unbunt halten.«
Zu den preisgekrönten Arbeiten gehört auch das eigene Portfolio, das im letzten Jahr sowohl bei der Berliner Type als auch beim Deutschen Preis für Kommunikationsdesign 2000 und beim ADC-Wettbewerb gewann. Die in einer limitierten, handsignierten Ausgabe von 1250 Druckexemplaren edierte Broschüre präsentiert auf dem Baumwollpapier Arches Expression sechs Reprodukionen von Auftragsarbeiten. Wer ein Exemplar davon in den Händen hält, muss - nicht ohne ein gewisses Bedauern - erst das Siegel des mit zwei Büttenrändern versehenen Umschlags aufbrechen. Das Portfolio beeindruckt nicht allein durch die typografisch ausgefeilten Textlegenden, sondern vor allem durch die Haptik der Papiere und der zahlreichen Hoch- und Tiefprägungen. »Nach einer Reihe von Lithovarianten, vier Andrucken auf der Original-Druckmaschine und verschiedenen Insidertricks konnten wir es im Offsetverfahren auf einer Heidelberg Speedmaster produzieren«, erzählt der Designer. »Das ist insofern bemerkenswert, weil sich so hochwertige Naturpapiere im Vierfarbsatz nicht gerade einfach verarbeiten lassen«. Aber auch in dieser Hinsicht ist er Profi, denn das Atelier realisiert rund 80 Prozent seiner Entwürfe auf Natur-, Feinst- und Künstlerpapieren. Für Interessierte hat er unter www.beinert.net einen Vortrag über die wichtigsten Erfolgsfaktoren in Druckvorstufe und Produktion bereitgestellt.
Konsequenz kennzeichnet nicht nur den Gestaltungsansatz von Wolfgang Beinert: Genauso wenig, wie er bereit ist, Inhalte zu kommunizieren, mit denen er sich nicht identifizieren kann, würde er für Kunden arbeiten, die das Design nur als marginalen Faktoren innerhalb ihres Marketingkonzepts ansehen. »Die freie Wahl des Auftraggebers ist für uns unerlässlich, da wir unseren Arbeitsstil lediglich mit Kunden realisieren können, die mit unserem Denken kompatibel sind«, erklärt er.
»Eine harmonische Zusammenarbeit bildet die Voraussetzung für die von uns angestrebte Perfektion. Und auch die gestalterische Freiheit darf nicht gefährdet sein, da sonst der kreative und ungewöhnliche Charakter unserer Arbeiten verloren geht.«
Um diesen Prinzipien treu bleiben zu können, will Wolfgang Beinert sein Atelier klein halten und beschäftigt maximal sechs Leute. »Wenn ich für viele Mitarbeiter jeden Monat ordentliche Gehälter zahlen müsste, würde ich diese Freiheit verlieren. Geld hätte dann einen unverdient hohen Rang.« Sein Assistentenprinzip hat sich bewährt und letztlich, so Beinert, wollten die Kunden ja auch Arbeiten von ihm und nicht von einem angestellten Grafik-Designer. Die nötige Anregung holt sich das Team außerhalb des Ateliers unter anderem in Ausstellungen, Theatervorführungen oder Lesungen. Ein offenes Wort scheut Wolfgang Beinert nicht. So lasst er kaum ein gutes Haar an den deutschen Werbern. »Die meisten, die ich kennen gelernt habe, haben noch nie Rilke gelesen, halten Paganini für ein belegtes Brötchen und verwechseln Fraunhofer mit einer Kneipe«, schreibt er auf seiner Web-Site. Zwar gäbe es Ausnahmen und auch einige gute Agenturen, in der Regel jedoch würden die Werber ihre Zielgruppen grundsätzlich unterfordern und jede Menge für den Abfall produzieren. Nicht viel besser ist der Designer auf Dozenten zu sprechen: »Viele Lehrer an den grafischen Fachhochschulen und an den Akademien verwechseln Können mit Toleranz. Sonst würden sie nicht dauernd Studenten mit sehr gut benoten, die nicht die leiseste Ahnung von ihrem Beruf haben und obendrein auch noch unbeschreiblich faul und unbegabt sind«. Dabei zweifelt er nicht daran, dass eine Reihe von begabten Absolventen die Hochschulen verlässt - um dann im Berufsleben klein gemacht zu werden. Und so appelliert er eindringlich an die Studenten: »Geld ist nur sekundär. Hinterfragt viel, ein mittelmäßiges Ergebnis kriegt ihr schnell verkauft, für ein gutes müsst ihr euch ins Zeug legen.« Ein Aufruf, den sich auch gestandene Designer und Werber zu Herzen nehmen könnten.
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